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Mobile Podcast-Aufnahmen: Was wir aus Dutzenden On-Location-Produktionen gelernt haben

  • Autorenbild: Jonas Zellner
    Jonas Zellner
  • vor 6 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit


Nicht jeder Gast kommt ins Studio. Manchmal kommt das Studio zum Gast.


Für Focus Online produzieren wir den "MUT - Der Deutschland Talk" mit Tijen Onaran. Interviews mit Olaf Scholz im Bundeskanzleramt, mit Robert Habeck, Friedrich Merz, Margot Friedländer - jede Aufnahme an einem anderen Ort, jede Location mit eigenen Herausforderungen, jedes Mal das komplette Equipment im Van.


Dazu kommen mobile Produktionen für Kunden wie Ferrari, Porsche, DIE ZEIT, ZDF und andere, bei denen wir Podcasts, Interviews oder Content vor Ort produzieren. Nicht im Studio, sondern dort, wo die Geschichte stattfindet.


Was ich dabei gelernt habe, ist ein anderer Workflow als im Studio. Im Studio ist alles kontrolliert - Akustik, Licht, Equipment steht fest, alles ist verkabelt. On Location ist nichts kontrolliert. Und genau deshalb braucht es einen anderen Ansatz.


Hier sind die Tipps und Tricks, die sich bei uns über Dutzende mobile Produktionen bewährt haben.


Tipp 1: Kenne den Raum, bevor du ihn betrittst


Der größte Fehler bei mobilen Produktionen ist, am Drehtag den Raum zum ersten Mal zu sehen. Dann stehst du da mit deinem Equipment und merkst: Das Fenster ist auf der falschen Seite. Die Decke ist vier Meter hoch und hallt wie eine Kirche. Es gibt nur zwei Steckdosen, und die sind hinter einem Schrank.


Wenn irgendwie möglich: Mach einen Location-Scout. Persönlich oder per Videocall mit dem Ansprechpartner vor Ort. Lass dir den Raum zeigen. Achte auf: Raumgröße und Deckenhöhe (große, leere Räume hallen). Fensterflächen und Lichteinfall (Gegenlicht ist ein Problem, Seitenlicht kannst du nutzen). Steckdosen und Stromversorgung (wo und wie viele). Hintergrundgeräusche (Klimaanlage, Straßenlärm, Aufzug). Und frag: Kann die Klimaanlage während der Aufnahme ausgeschaltet werden?


Beim MUT-Dreh im Bundeskanzleramt hatten wir keinen Location-Scout im klassischen Sinn - die Sicherheitslage erlaubt das nicht. Aber wir hatten Fotos und Grundrisse vorab. Das hat gereicht, um den Kameraplan und das Licht-Setup vor dem Drehtag durchzuplanen. Am Tag selbst war alles in unter 60 Minuten aufgebaut, weil jeder wusste, wo was steht.


Mobiles Podcast-Setup im Bundeskanzleramt - Kameras, Licht und Regie vor dem Interview aufgebaut

Tipp 2: Dein Audio-Setup entscheidet über alles


Im Studio hast du kontrollierte Akustik. On Location hast du: Hallende Konferenzräume, surrende Klimaanlagen, Straßenlärm und den Kollegen, der im Nebenraum telefoniert.

Das heißt: Dein Mikrofon muss mehr leisten als im Studio. Dynamische Mikrofone mit enger Richtcharakteristik sind für mobile Aufnahmen die sicherere Wahl als Kondensatormikrofone. Sie nehmen weniger Raum auf, weniger Hintergrundgeräusche, weniger von dem akustischen Chaos, das du vor Ort nicht kontrollieren kannst.

Separate Spuren pro Mikrofon sind Pflicht. Wenn du on Location aufnimmst und alle Mikrofone auf eine Stereospur legst, bist du in der Post-Production machtlos. Mit ISO-Spuren kannst du Hintergrundgeräusche, Husten oder Störungen auf einer Spur entfernen, ohne die anderen zu berühren.


Wir nehmen mobil mit dem Sound Devices 833 auf. 32-Bit Float gibt mir die Sicherheit, dass die Aufnahme nie clippt - egal wie laut der Gast wird. Und die ISO-Aufnahme auf separaten Spuren gibt mir volle Kontrolle in der Post. Für Setups, die kompakter sein müssen, ist der Zoom F3 eine Alternative - zwei Kanäle, 32-Bit Float, passt in die Hosentasche.


Und: Bring Backup-Audio mit. Immer. Ob über den ATEM Mini Extreme ISO, über die Kamera-internen Mikrofone oder über ein zweites Aufnahmegerät. Wenn das Hauptsystem ausfällt, rettet dich das Backup. Wenn nichts ausfällt, löschst du es.


Tipp 3: Licht mitbringen - auch wenn der Raum "hell genug" aussieht


"Der Raum hat viel Tageslicht" ist kein Licht-Setup. Tageslicht ändert sich - Wolken ziehen vorbei, die Sonne wandert, und plötzlich hat dein Gast einen Schatten quer übers Gesicht, der vor zehn Minuten noch nicht da war.


Für mobile Produktionen brauchst du mindestens ein eigenes Key Light, das du kontrollierst. Idealerweise ein LED-Panel mit Softbox - weiches, gleichmäßiges Licht, das das vorhandene Raumlicht überstimmt.


Der Trick: Stelle dein Key Light so auf, dass es stärker ist als das Raumlicht. Dann bestimmst du den Look, nicht der Raum. Das Raumlicht wird zum Fill - es hellt die Schatten leicht auf, ohne deinen Look zu zerstören.


Was wir mitnehmen: Godox-LED-Systeme mit Softboxen, batteriebetrieben für Locations ohne Steckdosen in der Nähe. Leicht genug, um sie in 5 Minuten aufzubauen, stark genug, um auch in hellen Räumen mit großen Fensterfronten den Ton anzugeben.

Ein Backlight vergessen die meisten bei mobilen Setups. Ist verständlich - es ist ein weiteres Stativ, ein weiteres Licht, weitere 10 Minuten Aufbau. Aber der Unterschied, den ein einfaches Backlight macht, ist auf dem fertigen Video sofort sichtbar: Die Person hebt sich vom Hintergrund ab, das Bild bekommt Tiefe. Wenn du nur Platz für zwei Lichter hast: Key Light und Backlight. Fill kann der Raum selbst übernehmen.



Tipp 4: Dein Setup muss in 60 Minuten stehen


Auf Location hast du selten unbegrenzt Aufbauzeit. Bei Corporate-Kunden bekommst du den Raum eine Stunde vor der Aufnahme. Bei VIP-Gästen manchmal weniger. Im Bundeskanzleramt war das Zeitfenster knapp - und es gibt niemanden, den du bittest, noch 20 Minuten zu warten, weil ein Kabel fehlt.


Deshalb: Jedes Equipment, das du mitnimmst, muss in unter einer Minute einsatzbereit sein. Alles, was länger braucht, fliegt aus dem Kit. Das klingt extrem, ist aber die Realität, wenn du professionell mobil produzierst.


Was konkret hilft: Pack deine Cases immer gleich. Jedes Kabel hat seinen festen Platz. Jede Kamera ist voreingestellt - Auflösung, Framerate, Weißabgleich, Farbprofil. Du schaltest ein und drückst Record. Kein Menü-Tauchen am Drehtag.


Beschrifte alles. Klingt banal, spart aber Minuten, wenn drei Leute gleichzeitig aufbauen und jeder wissen muss, welches XLR-Kabel zu welchem Mikrofon gehört.


Und: Bau in der richtigen Reihenfolge auf. Erst Kameras und Stative positionieren (das bestimmt alles andere). Dann Licht (braucht Strom, also Kabelwege planen). Dann Audio (Mikrofone auf die Kamerapositionen abstimmen). Dann Regie und Monitoring. Zum Schluss Feintuning: Fokus, Bildausschnitt, Pegel.


Tipp 5: Redundanz ist keine Paranoia


Im Studio fällt eine Karte aus? Ärgerlich, aber du nimmst morgen nochmal auf. On Location fällt eine Karte aus? Das Material ist weg. Der Gast kommt nicht nochmal. Die Location ist nicht mehr verfügbar. Die Produktion ist gescheitert.


Deshalb: Doppelt aufnehmen. Auf jeder Kamera intern plus auf dem ATEM als Backup. Audio auf dem Sound Devices plus internes Audio auf den Kameras als Referenz. Speicherkarten doppelt so viele einpacken, wie du brauchst. Akkus doppelt so viele.

Wir fahren zu jeder mobilen Produktion mit einem redundanten Setup. Jeder Kamera-Feed wird an zwei Stellen aufgenommen. Jede Audio-Spur existiert auf mindestens zwei Geräten. Das verdoppelt nicht den Aufwand - es verdoppelt die Sicherheit.


Die Kosten für eine Extra-SD-Karte: 50 Euro. Die Kosten für ein verlorenes Interview mit dem Bundeskanzler: Unbezahlbar.



Tipp 6: Kommunikation ohne Sprechen


Dieser Tipp kommt direkt aus unserer Bundeskanzleramt-Erfahrung - und aus einem Problem, das die meisten mobilen Produzenten nicht auf dem Schirm haben.

Wenn du keinen separaten Regieraum hast, sitzt du mit deiner gesamten Technik im selben Raum wie das Interview. Zwei Meter hinter den Kameras. Und du kannst nicht sprechen. Nicht flüstern, nicht zurufen, nichts. Jedes Geräusch von deiner Seite landet auf den Mikrofonen.


Die Lösung, die ich mir dafür selbst ausgedacht habe: Ein Text-to-Speech System über eine Funkstrecke. Die Moderatorin trägt einen unsichtbaren In-Ear-Kopfhörer. Ich tippe auf meinem Laptop - Nachfragen, Stichpunkte, Fakten, Zeithinweise. Eine Text-to-Speech-Software wandelt den Text in eine ruhige Stimme um, die die Moderatorin im Ohr hört. Komplett lautlos aus meiner Richtung. Komplett unsichtbar auf Kamera.

Das System gibt es so nicht zu kaufen. Aber das Prinzip ist simpel: Laptop mit Text-to-Speech-Software, verbunden über eine Funkstrecke mit einem In-Ear-Monitor. Die Investition ist überschaubar, der Vorteil bei politischen Interviews oder Situationen ohne separaten Regieraum ist enorm.


Auch wenn du nicht in der Kanzler-Liga produzierst: Überleg dir, wie du mit deinem Host oder deiner Moderatorin während der Aufnahme kommunizierst, ohne zu sprechen. Handzeichen funktionieren, aber nur wenn der Host dich sehen kann. Ein Chat auf dem Handy funktioniert, aber nur wenn der Host aufs Handy schaut. Ein In-Ear mit Text-to-Speech funktioniert immer.


Tipp 7: Pack weniger ein als du denkst - aber das Richtige


Ich hab eine Phase hinter mir, in der ich für jeden mobilen Dreh einen halben LKW Equipment mitgenommen habe. Drei Licht-Optionen, fünf Objektive, zwei Backup-Kameras, zwölf verschiedene Adapter. Auf dem Papier war ich auf alles vorbereitet. In der Praxis war ich vor allem damit beschäftigt, Cases zu schleppen.


Heute ist mein mobiles Kit deutlich schlanker. Was mitkommt:

Kameras: RED V-Raptor X und zwei V-Raptor XE. Drei Perspektiven, alle in 8K. Dazu Sony Burano oder A1 II als flexible Ergänzung, wenn die Situation mehr als drei Perspektiven erfordert.


Audio: Sound Devices 833, Mikrofone auf Schwenkarmen, Deity Theos Funkstrecken.

Licht: Godox-LEDs mit Softboxen. Ein Key Light, ein Backlight. Manchmal ein Fill. Mehr ist selten nötig.


Regie: ATEM Mini Extreme ISO, kompakter Monitor.

Kommunikation: Laptop mit Text-to-Speech, Funkstrecke, In-Ears.

Das alles passt in einen Van. Aufbau unter 60 Minuten. Abbau in 30.



Tipp 8: Die Post-Production beginnt am Set


Auf Location hast du weniger Kontrolle als im Studio. Umso wichtiger ist, dass du dir die Post-Production nicht schwerer machst als nötig.


Korrekte Benennung der Dateien, bevor du den Raum verlässt. Auf dem Heimweg vergisst du, welche Karte in welcher Kamera steckte. Speicherkarten direkt nach der Aufnahme sichern - auf dem UnifyDrive UP6 oder auf einer externen SSD. Nicht warten bis du im Studio bist.


Ein Clap am Anfang jeder Aufnahme - Hände klatschen vor allen Kameras und Mikrofonen. Falls der Timecode nicht synchron ist, hast du einen visuellen und akustischen Sync-Punkt. Drei Sekunden Aufwand, potenziell Stunden gespart.

Und: Mach ein Foto vom Setup. Jede Location, jede Kameraposition, jedes Licht. Wenn der Kunde drei Monate später eine zweite Episode am gleichen Ort aufnehmen will, weißt du exakt, wie das Setup aussah.


Wann du mobil produzieren solltest - und wann ins Studio


Mobile Produktion macht Sinn, wenn der Gast nicht zum Studio kommen kann oder will. Spitzenpolitiker, CEOs mit vollen Terminkalendern, internationale Gäste, die nur für einen Tag in Berlin sind. Oder wenn die Location Teil der Geschichte ist: Ein Interview im Firmensitz, eine Aufnahme auf einer Messe, ein Podcast auf einem Event.


Ins Studio gehen macht Sinn, wenn du maximale Kontrolle über Akustik, Licht und Technik willst. Wenn Konsistenz über viele Episoden wichtiger ist als Location-Vielfalt. Und wenn du den Aufwand und die Kosten einer mobilen Produktion sparen willst.

In der Praxis kombinieren viele unserer Kunden beides: Die regulären Episoden im Studio, die besonderen Gäste oder Events mobil. Das gibt dir das Beste aus beiden Welten.


Fazit


Mobile Podcast-Aufnahmen sind kein abgespecktes Studio. Sie sind ein eigener Workflow mit eigenen Regeln. Kenne den Raum vorher. Bring dein eigenes Licht mit. Nimm alles doppelt auf. Kommuniziere ohne zu sprechen. Pack weniger ein, aber das Richtige. Und plane die Post-Production schon am Set.


Wenn du das alles beachtest, klingt und sieht eine mobile Aufnahme genauso gut aus wie eine Studio-Aufnahme. Der Gast merkt den Unterschied nicht - und dein Publikum erst recht nicht.


Du brauchst eine mobile Podcast-Produktion auf Studio-Niveau? Wir bringen das komplette Setup zu dir - ob ins Büro, auf ein Event oder an einen Ort, den wir hier nicht nennen dürfen. Alle Details zu unserem mobilen Setup findest du hier.

 
 
 

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